Die französische Periode!

1794  Duelken_Franzoesisch.jpg (3180 Byte) 1814
20
Jahre Dülken in Frankreich!

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Das Siegel des Maire de Dulcken (des Bürgermeisters von Dülken), im Canton Bracht des Département de la Roer!


DER CANTON BRACHT - 20 JAHRE UNTER FRANZÖSISCHER HERRSCHAFT 1794 - 1814

VON GUNTER VOELZ


"Die Einwohner sind von mittlerer Größe und von guter Konstitution. Sie schneiden das Brot in recht dünne Scheiben, auf denen sie Butter und Schmalz verstreichen.

Sie trinken viel Bier und Kornschnaps, den sie gewöhnlich ,Schnick‘ nennen. Insgesamt bietet der Canton Bracht ein sehr abwechslungsreiches Bild, immer wieder von kleinen Flüßchen durchschnitten.

Man kann sagen, daß dieser Canton recht gut kultiviert ist und mit Ausnahme des westlichen Teils ein Bild des Reichtums darstellt."

Karte des Cantons BrachtFranzösische Ingenieur-Geographen berichten im Jahre 1806 in dieser Weise über die Bewohner der Bürgermeistereien Bracht, Kaldenkirchen, Tegelen, Breyell, Boisheim, Brüggen, Burg-Wandniel, Kirchspiel-Waldniel, Ameren St. Georg, Ameren St. Anton und Dülken.

Wie kamen französische Offiziere zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts dazu, die Menschen am Niederrhein zu beurteilen, ihre Lebensgewohnheiten zu ergründen, ihr Einkommen zu registrieren, ja sogar die Größe und Einrichtung ihrer Wohnungen festzustellen?

Zwei Jahrzehnte lang von 1794 bis 1814 - gehörten die genannten Bürgermeistereien, zusammengefaßt im Canton Bracht, zu Frankreich. Ihre Einwohner waren Bürger der französischen Republik mit allen Rechten und Pflichten. Die Bürgermeister leisteten den Amtseid auf die französische Republik und trugen die französische Nationalkokarde; die Pfarrer bezogen ihr Gehalt von der (französischen) Regierung; der Gregorianische Kalender verschwand und mit ihm der Sonntag; jeder 10. Tag wurde anstelle des Sonntags zum Ruhetag bestimmt; die französischen Gedenktage einschließlich der Revolutionsausrufung wurden übernommen; alle Männer unter 45 Jahren mußten damit rechnen, im Dienste der französischen Republik zu den Waffen gerufen zu werden.

Ausgangspunkt für die grundsätzlichen Veränderungen war die französische Revolution von 1789. Ein Volk erhob sich gegen die jahrhundertealte Ordnung, sprengte alle Fesseln mit den Parolen "Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit", demütigte den bisherigen Herrscher, setzte ihn ab und schuf völlig neue Verhältnisse. Die Monarchen Europas mußten um ihre Stellung fürchten, verbündeten sich gegen die Revolutionäre und marschierten mit einer gemeinsamen Armee in Frankreich ein, um dem Revolutionsspuk ein Ende zu bereiten und wieder "gottgewollte Ordnungen" herzustellen. Aber die französische Revolutionsarmee, die teilweise aus regulären Truppen, teilweise aus Freiwilligen, den verlachten "Sansculottes" bestand, drängte die vereinigten Truppen zurück, ja sie drang sogar bis nach Deutschland vor. Johann Wolfgang von Goethe, der im Gefolge des Befehlshabers der vereinigten Armeen den Feldzug miterlebte, trug nach dem Gefecht von Valmy am Abend des 20. Septembers 1792 in sein Tagebuch ein: "Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte an." Die Menschen am Niederrhein sollten die ersten sein, die diese Epoche zu spüren bekamen.

Im Jahre 1794 besetzten die Franzosen das gesamte linke Rheinufer und betrachteten es als französisches Hoheitsgebiet. Zwar gehörte es noch zum Königreich Preußen, aber schon ein Jahr später, im Sonderfrieden zu Basel, verschacherte Preußen seine linksrheinischen Besitzungen an Frankreich mit der Zusicherung, nach einem endgültigen Friedensvertrag entsprechend entschädigt zu werden. Endgültig wurde dann der linke Niederrhein sechs Jahre später, im Vertrag zu Luneville, an Frankreich abgetreten und öffentlich anerkannt, ,,. . . daß die französische Republik mit aller Souveränität und als Eigentum die Länder besitze, die auf dem linken Rheinufer liegen", d. h. die hier lebenden Menschen wurden Bürger der französischen Republik.

Statt der 150 selbständigen Territorien am linken Niederrhein, die gleichsam über Nacht verschwanden, schufen die Franzosen eine neue Verwaltungsordnung, die dem schon bestehenden französischen System angepaßt wurde. Die eroberten Gebiete, die ,,Lande zwischen Rhein und Maas", wurden in vier Departements eingeteilt, vergleichbar mit Regierungsbezirken. Im offiziellen Sprachgebrauch nannte man sie die "Réunis Departements" "Eingegliederte Departements". Es waren das Saardepartement mit dem Hauptort Trier, das Rhein- und Moseldepartement mit dem Hauptort Koblenz, das Donnersbergdepartement mit dem Hauptort Mainz, das Roerdepartement mit dem Hauptort Aachen.

Jedes Departement wurde in Arrondissements - Kreisgebiete - unterteilt. Zum Departement de la Roer, zu dem auch unsere nähere Heimat zählte, gehörten die Arrondissements Aachen, Köln, Kleve und Krefeld. Aus verwaltungstechnischen Gründen, vor allem wegen der Aufgaben auf dem Gebiete der Rechtspflege und der Konskription (Aushebung der Rekruten) wurden die Arrondissements in Cantone (Teilbezirke) aufgeteilt. Zum Arrondissement Krefeld zählten die Cantone Bracht, Erkelenz, Kempen, Moers, Neersen, Neuß, Odenkirchen, Rheinberg, Ürdingen und Viersen. Jeder Canton umfaßte mehrere Mairies (Bürgermeistereien). Die Mairie galt als die kleinste selbständige Verwaltungseinheit.

Im Jahre 1803 zeigte das Arrondissement Krefeld folgende Aufteilung (ursprüngliche Schreibweise):

Canton Mairies Einwohner
Bracht Ameren St. Antoine, Ameren St. Georges, Bracht, Boisheim, Breyel, Bruggen, Bourg-Waldniel, Dulcken, Kaldenkirchen, Kirspel-Waldniel, Tegelen 19836
Erkelens Beeck, Doveren, Erkelens, Gerderath, Immerath, Kleingladbach, Kuckum, Loevenich, Schwanenberg, Wegberg 19613
Kempen Altenkirchen, Kempen, Oedt, St. Antoine, St. Hubert, Antonisberg, Vorst 12567
Meurs Baerl, Capellen, Emmerich, Homberg, Meurs, Neukirchen, Repelen, Reurdt, Schoephuysen, Vluin 10727
Neersen Gladbach, Kleinenbroich, Klein-Kempen, Corschenbroich, Liedberg, Neersen, Obergeburth, Suchtelen, Oberniedergeburth, Schieffbahn, Unterniedergeburth, Willich 20729
Neuss Buderich, Buttgen, Greffrath, Glehen, Grimlinghausen, Herdt, Hotzbeim, Karst, Neuss, Norff 15234
Odenkirchen Dahlen, Juchen, Kelzenberg, Neukirchen, Odenkirchen, Rheid, Schelsen, Vanlo, Wickrath 19237
Reinberg Alpen, Budberg, Hoerstgen, Camp, Ossenberg, Orsoy, Quatre-Quartiers, Reinberg 7595
Urdingen Bockum, Fischelen, Friemersheim, Lanck, Langs, Linn, Osterath, Strump, Urdingen 10 457
Creveld Creveld 8363
Viersen Viersen 5597

Inzwischen war in Frankreich Napoleon Bonaparte, ein erfolgreicher General, als Erster Konsut an die Spitze des Staates gerückt. Im Jahre 1801 ordnete er eine umfangreiche Kartenaufnahme der Réunis Departements an. Mit der Durchführung der Aufgabe betraute er den Ingenieur-Geographen Jean Joseph Tranchot. Zugleich forderte er Tranchot auf, über jede der im Kartenwerk aufgeführten Gemeinden Erkundungen einzuziehen in bezug auf

1. Die äußeren Verhältnisse der Gemeinde,

2. die Statistik der Gemeinden,

3. die historischen Gegebenheiten sowie auf die mititärischen und wirtschaftlichen Verhättnisse.

Dem Konsul Napoleon erschien die Arbeit der Ingenieur-Geographen so wichtig, daß er Tranchot die Anweisung gab, "... die Ergebnisse seiner Arbeit niemanden, wer es auch sei, wissen zu lassen"

In den darauffolgenden Jahren ist es Tranchot und seinen Helfern tatsächlich gelungen, die gestellte Aufgabe zu erfüllen. Der gesamte linke Niederrhein wurde kartographisch aufgenommen, womit für jede Bürgermeisterei eine ausführliche Darstellung aller geographischen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse verbunden war. Der Präfekt des Roer-Departements, Alexander Mechin, forderte seine 336 Bürgermeister auf, den Geographen ,,die zu ihrer Arbeit notwendige Sicherheit und Bequemlichkeit zu verschaffen", ihnen jede gewünschte Auskunft zu erteilen, nötigenfalls mit ihnen zusammen die Grenzen der Mairie abzugehen und, falls es ihnen selber an Information fehle, vertrauensvolle Personen anzugeben, die wegen ihres Alters und wegen ihrer Stellung zu dieser Aufgabe geeignet seien. Die Ingenieur-Geographen scheinen für ihre Arbeit nicht immer die Zustimmung der Einwohner gefunden zu haben. Wäre es anders gewesen, dann hätte der Präfekt wohl nicht die Warnung erlassen, auf keinen Fall ,,Wahrzeichen, Stangen und Pfähle anzurühren, wegzunehmen oder abzuhauen". Den Tätern drohte er Strafe an ,,nach Maßgabe des Verbrechens" und, sollte der Delinquent nicht entdeckt werden, dann müßten sämtliche Unkosten von der Mairie, in deren Grenzen das Verbrechen geschehen sei, getragen werden.

Für den Canton Bracht wurde der Ingenieur-Geograph Etienne Nicolas Rousseau zuständig. Die nachstehenden Angaben sind seinem Bericht entnommen: "Ganton de Bracht, composé des Mairies de Bracht, Kaldenkirchen, Tegelen, Breyel, Boisheim, Bruggen, Bourg- Waldniel, Kirspel Waldniel, Ameren St. Georges, Ameren St. Antoine et Dulcken"

Bei der Lektüre des Berichtes sollte berücksichtigt werden, daß zwar den statistischen Angaben objektives Zahlenmaterial zugrunde liegt, daß sich aber bei den Schilderungen über die Lebensgewohnheiten der Menschen viele subjektive Kriterien in die Berichte eingeschlichen haben.

Volkszählung

Nach der Volkszählung vom 1. Januar 1806 wurden im Canton Bracht 19 897 Menschen ermittelt, von denen 118 als Soldaten in der französischen Armee dienten. Der Versuch des Ingenieur-Geographen Rouleau, einen aktuellen Vergleich mit den Einwohnerzahlen vor Übernahme des Gebietes durch Frankreich herbeizuführen, mußte scheitern, weit die Gemeinden keine Auskünfte zu diesem Thema bieten konnten. Trotzdem meinte Rousseau, die Bevölkerungszahl sei seit der Eingliederung gestiegen. Möglicherweise bezog er sich dabei auf eine Zählung, die von den Franzosen 3 Jahre zuvor durchgeführt wurde.

Volkszählung am 1. Januar 1806

Name der Mairie Verh.
Männer
Verh.
Frauen
Jun-
gen
Mäd-
chen
Wit-
wer
Wit-
wen
Sol-
daten
Gesamt
Ameren St.Anton 194 194 297 297 9 21 6 1018
Ameren St. Georg 280 279 476 437 34 71 7 1584
Bracht 329 330 563 526 34 51 9 1842
Boisheim 148 148 277 295 33 35 5 941
Breyell 683 687 1205 1116 71 163 25 3950
Brüggen 276 279 428 443 8 38 10 1482
Burg- Waldniel 242 241 396 371 34 55 8 1347
Dülken 606 613 1176 1168 65 166 17 3811
Kaldenkirchen 329 332 551 543 40 57 11 1863
Kirchspl. Waldniel 223 223 402 370 22 61 9 1310
Tegelen 118 118 260 221 7 14 11 749
Total 3428 3444 6031 5787 357 732 118 19897

Grenzen des Cantons Bracht

"Der Canton Bracht liegt im äußersten Westen des Departements de la Roer und grenzt an das Gebiet der unteren Maas, nahe der Stadt und Festung Venlo. Die größte Breite des Gebietes beträgt von Osten nach Westen 20 Kilometer. Die größte Länge von Süden nach Norden beträgt 16 Kilometer."

Über das Erscheinungsbild der Einwohner

"Die Einwohner dieses Cantons unterscheiden sich in keiner Weise von den übrigen des Departements. Sie sind von mittlerer Größe, von guter Konstitution, ohne robust zu wirken. Ihre Gesichtszüge sind kühl und deuten eine gewisse Schwerfälligkeit an, die sich auch in ihren Handlungen zeigt.

Die Frauen sind kräftig gebaut und zeigen wenig Grazie in ihrem Gebaren. Der Grund dafür mag in der schweren Arbeit liegen, die sie von klein an verrichten müssen.

Die Einwohner kleiden sich mit schönen Stoffen, aber der Geschmack läßt oft zu wünschen übrig."

Über die Ernährung der Einwohner

"Die Nahrung besteht aus Schinken, ein wenig Kalbfleisch, geräuchertem Rindfleisch, Kartoffeln, Kohl, Karotten u. a. Sie essen wenig Brot. Sie schneiden das Brot in recht dünne Scheiben, auf denen sie Butter und Schmalz verstreichen. Zum Trinken nehmen sie viel Bier und Kornschnaps, den sie gewöhnlich ,Schnick‘ nennen.

Über Arbeitsmoral und Freizeitbeschäftigung

"Der Arbeit widmen sich die Einwohner wohl mehr aus der Notwendigkeit heraus als aus besonderer Neigung dazu. Sie sind gute Bauern, aber im allgemeinen gehen sie ihren Gewohnheiten nach.

Abends versammeln sie sich in den Wirtshäusern und verbringen dort alle Zeit, die nicht von ihrer Arbeit beansprucht wird.

Als bevorzugte Spiele gelten das Kartenspiel, verschiedene Kugelspiele und das Kegeln.

Auf den Kirmes- und Dorffesten sieht man allerlei Arten von Zeitvertreib."

Über Jahrmärkte

"Die Jahrmärkte können in diesem Canton als kleine Märkte angesehen werden. So finden sie statt:

In Dülken am 2. März, 30. Juni u. 18. Oktober Viehverkauf, in Burg-Waldniel am 5. April und 7. Oktober ebenfalls Viehverkauf, in Brüggen am 23. Oktober Viehverkauf, in Bracht am 27. September Verkauf von Handelswaren aller Art."

Über das Bildungswesen

,,Die Bildung wurde in diesem Canton immer sehr vernachlässigt. Von daher kann man verstehen, daß die Lesefertigkeit nicht stark verbreitet ist. Es gibt nur sehr schlechte deutsche Schulen. Die Reformierten haben ihre eigenen Schulen; sie sind besser als die der Katholiken.

Der Dialekt, der hier gesprochen wird, ist einmal Deutsch, aber auch Holländisch und Flämisch. Zuweilen findet man auch Leute, die Französisch sprechen."

Über Konfessionen

"Die katholische Konfession ist hier vorherrschend. Daneben sind in diesem Canton die reformierten, die lutherischen und die jüdischen Bekenntnisse vorhanden. Früher standen die Gemeinden unter der kirchlichen Oberhoheit der Bischöfe von Köln und Roermond. Seit dem Konkordat des französischen Reiches mit dem Papst gehören sie zum Bistum Aachen.

Für das reformierte Bekenntnis gibt es drei Gotteshäuser, davon eins in Kaldenkirchen, eins in Waldniel und eins in Bracht."

Über Krankheiten

"Zu den häufigsten Krankheiten, von denen die Einwohner befallen werden, zählen Fieber, ein Unwohlsein und Lungenerkrankungen, also die katarrhalischen Erkrankungen. Sie haben oftmals ihren Ursprung durch die Nähe der sumpfigen Gebiete.

Die Zahl der behinderten Personen ist nicht groß. Insgesamt werden im Canton

gezählt: 15 Epileptiker, 3 Taubstumme, 15 Körperbehinderte, 8 Geisteskranke, 2 Blinde und 2 Schwachsinnige."

Über Impfungen

"Aus den Berechnungen, die hier angestellt worden sind, kann man leicht erkennen, daß vor der Einführung der Schutzimpfung die Mehrzahl derjenigen Personen, die an Blattern und Pocken erkrankten, auch dahingerafft wurde. Nach der Einführung der Schutzimpfung im Jahre 1806 sind Fortschritte zu verzeichnen."

Über die Berufe

In den einzelnen Bürgermeistereien wurden gezählt:

Bürgermeistereien

ASG ASA BRA BOI BRE BRÜ BWN DUL KAL KWN TEG Ges.
Gastwirte - - 3 1 6 3 2 5 3 - 3 27
Apotheker - - - - - - 1 - - - - 1
Feldmesser - - - - - - 1 1 1 - - 3
Bäcker 1 2 3 3 5 3 4 8 3 - 1 33
Fleischer - - 3 - 3 8 6 6 4 - - 30
Knopffabrik. - - - - - - - 2 - - - 2
Brauer 2 3 3 3 - - - 5 3 - - 19
Leinen-Bleich. - - - 7 2 - - - - - - 9
Kupferschm. - - 1 - 2 - 1 2 1 - - 7
Hutmacher - - 2 - 1 - 2 2 1 - - 8
Schuster 2 1 8 3 7 5 5 10 6 - 1 48
Bauern 100 65 60 60 50 40 30 302 110 40 15 872
Zimmermann - - 7 4 - 4 4 10 - 3 - 32
Schankwirt 2 1 8 3 2 4 15 6 4 3 1 49
Näherin - - 4 3 - - - 6 4 - - 17
Dachdecker - - - - - - - 2 2 1 - 5
Chirurg - - 1 - - - - 1 - - - 2
Schnapsfabrik 1 - 2 2 - - - 3 1 - - 9
Kurz- u. Kolon.
warenhändler
- 2 6 7 1 2 2 2 2 - - 24
Abdecker - - 1 - - - - - - - - 1
Leinfabrikant - - - - - - - 1 - - - 1
Seidenbänder-
fabrikant
- - - - - - - 1 - - - 1
Klempner - - - - - - 1 - - - - 1
Samtbänder-
fabrikant
- - - - - - 10 2 1 - - 13
Gerichts-
schreiber
- - - - - - - 1 - - - 1
Uhrmacher - - - - - - - 1 - - - 1
Gerichtsdiener - - - - - - - 1 - - - 1
Friedensrichter - - - - - - - 1 - - - 1
Hufschmied 2 2 4 3 4 3 3 6 4 2 2 35
Maurer - - 5 - 3 30 2 3 2 - - 45
Schreiner - - - - 3 - - 1 - - - 4
Müller 4 2 2 1 2 1 2 3 2 2 2 23
Pferdehändler - - - - - - - 3 - - - 3
Tuchhändler - - 1 - - - 2 - - - - 3
Arzt - - 1 - - - - 1 - - - 2
Notar - - - - - - - 1 1 - - 2
Goldschmied - - - - - - - 1 - - - 1
Schlosser, Waffenfabrikant - - - - - 1 - 2 1 - - 4
Holzschuhmacher - - 2 1 - - 1 - 1 - - 5
Sattler - - 1 1 - - - 2 1 - - 5
Hebammen - - 1 - - 1 1 2 1 - - 6
Schneider 1 4 10 5 5 6 8 10 6 5 - 60
Gerber - - - - 3 - 1 3 2 - - 9
Weber 100 48 8 40 15 50 100 100 50 20 2 593
Holzdreher - - 2 - - - - 1 - - - 3
Korbmacher - - 2 - - - - 1 - - 3
Glaser   -   -   -   -   -  -   1 2 1 - - 4

Über Wohnungen

"Insgesamt zählt man in diesem Canton 3550 Häuser. Sie verteilen sich wie folgt:

Bürgermeisterei Bracht 360 Häuser
Bürgermeisterei Boisheim 160 Häuser
Bürgermeisterei Breyell 600 Häuser
Bürgermeisterei Brüggen 330 Häuser
Bürgermeisterei Burg-Waldniel    250 Häuser
Bürgermeisterei Dülken 728 Häuser
Bürgermeisterei Kaldenkirchen   365 Häuser
Bürgermeisterei St. Anton 200 Häuser
Bürgermeisterei St. Georg 287 Häuser
Bürgermeisterei Kirchsp. Waldniel     140 Häuser
Bürgermeisterei Tegelen 130 Häuser

Die Häuser von Dülken, Brüggen und Kaldenkirchen liegen innerhalb der Stadtmauern, sind aus Ziegeln gebaut und mit Ziegeln gedeckt. Die Häuser in Boisheim und Breyell liegen auch ziemlich zusammen um die Kirche. Die anderen Häusern liegen im allgemeinen verstreut in der Landschaft. Einige sind recht gut gebaut, fast alle sind strohgedeckt ebenso wie die Wirtschaftsräume. Die Häuser sind schlecht aufgeteilt, zwar sauber, aber wenig behaglich. Die Wohnungen sind sauber, aber spärlich eingerichtet.

Der durchschnittliche Preis eines mittelmäßigen Hauses liegt bei 1500 Franc, der Preis für ein Gehöft bei 1200 Fr. und der Preis für ein Arbeiterhaus bei etwa 300 bis 400 Fr."

Über Löhne

"Die Löhne der Hausangestellten wie der Arbeiter sind seit der Eingliederung dieses Landes in das französische Reich angestiegen.

Ein männlicher Hausangestellter bekommt 75 bis 90 Fr. pro Jahr plus Verpflegung. Eine weibliche Hausangestellte kann mit 45 bis 55 Fr. rechnen. Die Jungen verdienen in der Stadt wie auf dem Lande, mit Ausnahme der Söhne von Bauern, ihre Verpflegung und ihren Unterhalt erst mit 18 Jahren. Die Mädchen verdienen ihren Unterhalt schon mit 15 bis 16 Jahren."

Über das Wetter

"Der Winter beginnt spät und endet auch spät, der Sommer ist kurz, und der Herbst ist gewöhnlich die schönste Jahreszeit.

Die vorherrschenden Winde kommen aus Norden. Wenn die Winde weben, sind sie fast immer von Regen begleitet.

Der Schnee bleibt nicht lange liegen, außer in den Niederungen.

In den Monaten November und Dezember kommen Nebel auf. Sie sind aber nicht dicht und halten auch nicht lange an. Sehr oft sind sie zu Mittag schon verschwunden.

Die Luft ist im allgemeinen frisch und gesund, aber sie ist in den Dörfern und Weilern, die an den Ufern von Nette und Schwalm liegen, ein wenig schwerer."

Über Maße und Gewichte

Ein Vergleich der früheren Maßeinheiten mit dem heutigen ergibt:

eine EIle (von Brabant) = 0,69 Meter
ein Zoll (rheinisch) = 0,262 Meter
ein Fuß (rheinisch) = 0,3138 Meter
eine Rute = 3,7659 Meter
ein Morgen = 0,8524 Hektar
ein Matter = 2,3142 Hektotiter
ein Scheffel = 0,5786 Hektoliter
ein Tiegel = 1,2961 Liter
eine Flasche = 0,9720 Liter
1 Pfund = 0,4645 Kilogramm
1/2 Unze = 1,4561 Dekagramm
ein Geldstück (Währungseinheit) =  0,0515 Franc

Über die Gewässer

"Die Maas durchquert den Canton von Süden nach Norden. Sie hat eine durchschnittliche Breite von 130 Metern und ist ziemlich eingedeicht. Den höchsten Wasserstand hat sie zur Zeit der Schneeschmelze und der ständigen Regenfälle. Dann liegt der Pegel bei 10 Metern. In der Maas finden sich mit Ausnahme der Muränen alle Fischsorten. An bedeutenden Wasservögeln wären Storch, (Wald)Schnepfe, (Sumpf)Schnepfe und der Kiebitz zu nennen.

Die Schwalm hat eine durchschnittliche Breite von 10 Metern; ihre Tiefe beträgt 1 ½ Meter. Das Bett der Schwalm ist kaum eingedeicht.

Die Nette fließt in Richtung Norden, bildet mehrere große Seen, betreibt mehrere Mühlen und nimmt das Wasser einiger kleiner Flüßchen auf. Ihre Ufer sind von Wiesen und Wäldchen gesäumt.

Die Teiche, die durch die Gewässer der Nette zwischen Breyell und Lobberich gebildet werden, sind sehr fischreich. Man hatte einmal den Plan gehabt, das Wasser dieser Teiche zur Bewässerung eines Kanals zwischen Rhein und Maas zu nehmen, auch das Wasser von Niers und Schwalm damit zu vereinigen. Aber der Plan wurde nicht ausgeführt.

An den Ufern der Schwalm gibt es recht große sumpfige Teile. Diese Sumpfgebiete sind im Winter nicht passierbar; im Sommer wären sie nur für Infanterie begehbar. Die Moore wären für eine Trockenlegung geeignet. An einigen Stellen liefern die Moore etwas Torf."

Über Brücken, Fähren und Furten

"Über die Schwalm und über die Nette führen einige Meine Brücken. Sie bilden die Verbindung von einem Dorf zum anderen.

Bei dem Weiler Steyl gibt es eine Fähre über die Maas. Die Kette der Fähre ist an der Nordspitze einer kleinen Insel befestigt.

Die Schwalm kann man an mehreren Stellen in Furten überqueren, unter anderem auch gegenüber dem Weiter Brempt."

Über die Landwirtschaft

"Der Boden ist recht verschieden. Es gibt Böden alter Qualitäten. Im allgemeinen sind die Böden sandig, vor allem im westlichen Teil des Cantons. Der östliche Teil dagegen ist tonig und von mittlerer Qualität. Die besten Böden finden sich in der Umgebung von Dülken und Watdniet. Sie liegen alle auf Sand und lassen das Wasser in den Boden einsickern.

Gedüngt werden die Böden mit dem Mist des Viehs, vermischt mit Stroh, Blättern, Rasen und Heide. Durch die Abschaffung der Feudalrechte konnten die Bauern mehr Vieh halten, wodurch zugleich die Menge des Düngers gestiegen ist.

Lein, Gerste, Hafer, Buchweizen und die Gemüsesorten werden im Frühling gesät, Weizen und Roggen dagegen in der Spätsaison.

Die Ernten von Lein, Saubohne und Gerste werden in den ersten Juliwochen eingebracht. Die übrigen beginnen im Monat August und dauern bis Ende September. Die Arbeit beginnt in der Morgendämmerung und endet in der Nacht. Um die Mittagszeit wird eine Ruhepause eingelegt.

Die Geräte zur Einbringung der Ernte, zum Worfeln und zur Aufbewahrung des Getreides sind Sensen, Schaufeln, Heugabeln, Siebwerke und die Worfelmühlen.

Der Pflug ist klein und leicht. Er ist auf zwei Räder montiert, die fast überall von ungleicher Größe sind, aber die Bauern benutzen die verschiedenen Räder je nach der Verschiedenartigkeit des Bodens.

Verschiedentlich wird der Spaten gebraucht, vor allem für die Aufnahme der Saat und der Gemüsepflanzen. Auch der Gebrauch der Egge ist bekannt. Alle diese Geräte werden an Ort und Stelle gebaut.

Die Gehöfte haben wenig Bedeutung. Sie bieten zwar genügend Bequemlichkeit, aber sie sind schlecht zu verschließen. Eine große Zahl von ihnen ist überhaupt nicht verschließbar.

Es sollte noch gesagt werden, daß in recht großer Menge Karotten und Kartoffeln angebaut werden. Die beste Kartoffel ist dabei die weißgelbliche runde Frühkartoffel."

Über Pacht und Pächter

"Die Pächter sind nicht reich, aber seit dem Abbau der Feudalrechte sind sie doch als wohlhabend einzustufen. Der Preis für die Pacht wird in Bargeld und in Getreide gezahlt. Die normale Dauer einer Pacht beträgt 6, 9 oder 12 Jahre."

Über Schädlinge

"Als größte Schädlinge gelten Maulwürfe, Ratten, Raupen, Rüsselkäfer, Maikäfer und die Larven. Besonderer Schaden wird auch durch die Wühlmaus und die Watdmaus angerichtet. Durch den Schnee wird ihr Bau vor dem Frost geschützt, und so begünstigt der Winter die Existenz dieser Schädlinge.

Die Menschen werden am meisten durch Raupen, Stechmücken und Flöhe belästigt. Die Flöhe halten sich durch die Bauweise der Betten und durch die Unsauberkeit auf dem Lande.

Die gefährlichste Schädigung des Getreides erfolgt durch den Getreidebrand und das Mutterkorn. Ersterer findet sich vor allem beim Weizen, das Mutterkorn bildet sich im Roggen."

Über Haustiere

"Die Aufzucht des Viehs geschieht nicht überall gleichmäßig. So wird die Zucht der Pferde und der Wolltiere vernachlässigt. Dagegen wird viel Sorgfalt auf das Hornvieh und auf die Schweine verwendet.

Die Ochsen werden zum Ackerbau benutzt.

Die Kälber, die für den Schlachter bestimmt sind, werden normalerweise 6 Wochen alt, aber sie sind mager.

Die Pferde sind fast alle von holländischer Rasse. Sie dienen zur Kultivierung des Bodens. Sie werden mit Heu, Stroh und Hafer gefüttert.

Die Schweine sind fett, aber ihr Fleisch ist nicht so schmackhaft wie das der Schweine aus Westfalen. Der Grund dafür ist wohl in der verschiedenen Fütterung zu suchen.

Hühner und Gänse gibt es in großen Mengen. Dagegen gibt es wenig Enten und Truthähne.

Man könnte insgesamt zu besseren Rassen kommen, wenn sich die reichsten Eigentümer oder auch die Regierung entschließen könnte, Zuchthengste aus Hannover oder Holstein, Stiere aus Friesland und Widder aus Spanien oder England schicken zu lassen. Das wäre eine einmalige Anschaffung, die etwas kosten würde.

Für die Gesunderhaltung ihrer Tiere machen die Einwohner Wallfahrten und ziehen diese Gänge einer tierärztlichen Behandlung vor."

Über Wälder und Gehölze

"Es gibt viele Tannenwäldchen, die sich über den ganzen Canton hinziehen. Es gibt auch Eichenwäldchen und solche mit Buchen, Birken und anderen Bäumen. Dazu gibt es Kiefernwäldchen, die man gemeinhin Tannen nennt. Zu einem großen Teil gehören die Wäldchen dem Land oder den Gemeinden.

Für die Bedürfnisse der Einwohner reichen sie voll aus, da gewöhnlich Kohle und Torf als Heizmaterial dienen.

An den Ufern der Flüsse und Flüßchen stehen Pappeln und Weiden, manchmal in geordneten und manchmal in ungeordneten Pflanzungen."

Über Mühlenwerke

"In diesem Canton gibt es insgesamt 18 Wassermühlen, 7 Windmühlen und 7 Mühlen, die von Pferden angetrieben werden. Alle 32 Mühlen gehören Privateigentümern.

Die Mühle von Ameren St. Georg ist eine Mühle von schöner Bauweise, die vier Mühlsteine hat, davon zwei für Leinöl.

Alle Mühlen sind trotz verschiedentlicher Wasserknappheiten während des Sommers für den Canton ausreichend."

Über die Industrie

"Der Canton Bracht hat 12 Fabriken für Samtbänder, davon 10 in Waldniel und 2 in Dülken, aber sie haben keine große Bedeutung.

In Breyell gibt es eine Garnfabrik.

Man braut auch Bier und Kornschnaps und man zählt einige Gerbereien."

Über den Handel

"Der Canton kann das Getreide, das über den eigenen Bedarf hinausgeht, nur innerhalb des Departements und des Reiches exportieren. Damit wird der Landwirtschaft geschadet und die Einnahme größerer Geldmengen unmöglich gemacht.

Die Samtbänder gehen in die Fabriken von Krefeld; von dort werden sie weiter verkauft.

Das Versandgeschäft (Ausfuhr - Handel) ist in diesem Canton gleich Null."

Über das Straßennetz

"Die Straße von Maastricht nach Venlo und Geldern verläuft an Tegelen vorbei, aber diese Straße ist ein ganz normaler Weg, um den sich überhaupt niemand kümmert. Es gibt noch andere Verbindungsstraßen, die durch den Canton führen: einmal eine Straße von Roermond nach Düsseldorf, und dann eine Straße, die von Venlo kommt, dann auf die erstere trifft und mit ihr eine Kreuzung bildet. Diese Straßen sind wenig frequentiert. Die übrigen Straßen sind Feldwege."

Über Gerichte und Gendarmerie

"Wie alle anderen Cantone, so hat auch der Canton Bracht ein Friedensgericht. Der Richter residiert in Dülken, wo er auch seine Verhandlungen führt. Das Berufungsgericht tagt in Krefeld.

Die Polizeibrigade dieses Cantons hat ihren Sitz in Kaldenkirchen. Die Brigade steht in Verbindung mit denen in Roermond, Venlo und Gladbach. Sie ist Teil der ,,Companie de la Roer".

Über das Militär

"Bei Bedarf könnte dieser Canton 3000 Mann und einige hundert Pferde beherbergen. Die Verpflegung ließe sich aus Venlo und Roermond beschaffen. Das Brot könnte man auch in privateigenen Öfen an Ort und Stelle backen.

Die Wagen, die hier gebräuchlich sind, sind zwar klein, aber man zählt davon ungefähr siebenhundert.

Das Gebiet meldet erst seit 1802 Rekruten. Fälle von Desertation sind selten, obwohl die Leute wenig Kampfgeist besitzen.

Das Departement de la Roer, zu dem dieser Canton gehört, fällt unter die Zuständigkeit der 25. Militärdivision, dessen Befehlshaber seinen Sitz in Lüttich hat."

Der Ingenieur-Geograph Etienne Nicolas Rousseau wurde im Jahre 1829 wegen seiner Verdienste bei der Kartenaufnahme der Rheinlande zum Colonel ernannt.


Quellen:

Heimatbuch des Kreises Viersen 1990

1. Archives de l‘Armée de Terre (Château de Vincennes). Série Mémoires et creconnaissances, Nr. M 1124.
2. Rudolf SCHMIDT, Die Kartenaufnahme der Rheinlande durch Tranchot und von Müffting. Köln-Bonn 1973.

Übersetzung: Brigitta Stephanus.

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